Legitime und illegitime Schulden
Ein Interview mit dem ecuadorianischen Oekonomen Carlos Larrea.
Der ecuadorianische Oekonom Carlos Larrea spricht in einem Interview über die Aussenschulden seines Landes. Interview: Hanspeter Bundi
Frage: Ist ihr Präsident, Rafael Correa, ein Abbild des venezolanischen Präsidenten Hugo, oder ist er ein sanfter, idealistischer Indio?
Antwort: Correa ist ein linksgerichter Politiker, der mit den Stimmen der Indios und der kritischen Zivilgesellschaft gewählt wurde. Er hat sich in seinen Angriffen auf die internationale Gemeinschaft bisher zurückgehalten, spricht aber intensiv von einer moralischen Verantwortung der Industrieländer.
Im Wahlkampf rief er zu einem Schuldenstreik auf. Daran ist nicht viel Neues zu entdecken.
Correa hat einen neuen Ansatz skizziert. Eine staatliche Kommission wird die Verbindlichkeiten der letzten 30 Jahre, rund 10 Milliarden Dollar, Posten für Posten untersuchen und entscheiden, ob es sich um legitime oder illegitime Schulden handelt.
Was ist unter illegitimen Schulden zu verstehen?
Schulden für gescheiterte Projekte. Schulden für die militärische Aufrüstung. Schulden, die in erster Linie den privaten Konsum finanzierten. In den Siebzigerjahren war die internationale Finanzwelt ungewöhnlich liquide und suchte nach Möglichkeiten, wie sie die neu anfallenden Petrodollars platzieren könnte. Es wurde Geld gesprochen, ohne die regionalen Bedürfnisse und Gegebenheiten zu beachten. Wer ist da in der Verantwortung? Derjenige, der mit Geld um sich wirft oder derjenige, der das Geld nimmt? Anders gefragt: Wie sehr ist Ecuador verpflichtet, Schulden zu bedienen, die vor allem mit Zyklen der Finanzwelt zu tun haben?
Im Zusammenhang mit den 700-Jahr-Feiern hat die Schweiz ebenfalls zur Entschuldung Ecuadors beigetragen ...
Und sie hat damit einen positiven Entwicklungsprozess eingeleitet. Sie hat die Auflage gemacht, dass der Staat den Gegenwert der gestrichenen Schulden in einen Entwicklungsfonds einzuzahlen habe. Aus diesem Fond sind gute und erfolgreiche Projekte finanziert worden. Der Schweizer Schuldenerlass war, wie zahlreiche andere Schuldenerlasse, ein Geschenk. Mit der neuen Intiative geht Ecuador darüber hinaus. Jetzt geht es um die Anerkennung, das viele Schulden illegitim sind.
Wie hat die internationale Finanzwelt auf die ungewöhnliche Initiative Ecuadors reagiert?
In Norwegen hat die Regierung in einem Aufsehen erregenden Schritt ihre Mitverantwortung für einzelne Kredite anerkannt. Als die norwegischen Werften in einer Krise steckten, offerierte die dortige Regierung dem Staat Ecuador in den siebziger Jahren einen Kredit zum Kauf von Bananenschiffen. Nicht, um Ecuador zu helfen, sondern um für die eigene Industrie Aufträge zu schaffen. Die auf Pump gekauften Schiffe kamen bald einmal in private Hände, und Ecuador blieben einzig die Schulden. Auf Druck von Aktivisten der norwegischen Zivilgesellschaft hat die norwegische Regierung jetzt anerkannt, dass der damalige Kredit nicht im Sinn Empfängers war, und die Schulden wurden gestrichen.
Carlos Larrea (52), Oekonome und Soziologe lehrt an der Universidad Andina Simón Bolívar in Quito.
Eine der tragenden Organisationen in der "Allianz gegen Schulden" ist der Lateinamerikanische Kirchenrat CLAI - personnell und finanziell unterstützt durch Brot für alle und mission 21.
18.10.07
Von: Hanspeter Bundi
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