Filmfestival Locarno: Ökumenische Jury zeichnet rumänischen Film aus
Der Preis der ökumenische Jury ging am Fimlfestival Locarno an den Film "Morgen" des rumänischen Regisseurs Marian Crisan. Ein Interview mit Jury-Mitglied Charles Martig.

Der Preis der Ökumenischen Jury in Locarno ging an den Film "Morgen", des rumänischen Regisseurs Marian Crisan. Wovon handelt er? "Morgen" ist eigentlich ein deutsches Wort und für einen rumänischen Film ein ungewöhnlicher Titel. Es handelt sich jedoch um das einzige Wort, das der rumänische Sicherheitsmann Nelu und ein türkischer Migrant miteinander austauschen können. Dabei kommt Nelu ganz unverhofft zu seinem Schützling: Er fischt ihn beim morgendlichen Fischfang aus dem Wasser und versteckt den illegalen Grenzgänger, der aus der Türkei nach Deutschland unterwegs ist. Die beiden ungleichen Männer verstehen zwar kein Wort untereinander, doch das Zusammenarbeiten harmoniert wunderbar.
Warum erhält „Morgen“ den Preis? Marian Crisan präsentiert einen Film, der mit viel Wärme und mit einem liebevollen Blick von der gelingenden Verständigung über die kulturellen Grenzen hinweg erzählt. Neben dem Ökumenischen Preis hat "Morgen" auch den Silbernen Leoparden bekommen.
Brot für alle ist vor allem an Filmen interessiert, welche unser Bild von Realitäten des Südens verändern oder vertiefen. Gab es solche in Locarno, die Dir besonders Eindruck gemacht haben? Im rumänischen Film „Periferic“ geht es um eine Frau, die für 24 Stunden aus dem Gefängnis entlassen wird und in dieser kurzen Zeitspanne will sie die Zukunft ihres Sohnes sichern und das Land illegal verlassen. Besonders stark war auch der chinesische Film „Karamay“, der die tragischen Ereignisse des 8. Dezember 1994 aufrollt: in einem Feuer fanden 288 Kinder den Tod. Eine wesentliche Verantwortung für diese Tragödie tragen die politischen Behörden. Kino ist nicht nur Unterhaltung, sondern auch Erinnerung. Der Regisseur Xu Xin hat – mit diesem in China verbotenen Film – davon Zeugnis abgelegt.
Taeuscht der Eindruck, dass in Locarno – auch in Fribourg - wesentlich weniger Filme aus Afrika zu sehen sind als in früheren Jahren? Was sind die Gründe? An den internationalen Filmfestivals in Europa ist vor allem Südafrika präsent: 2005 gewann die afrikanische Filmoper „U-Carmen eKhayelitsha“ den Goldenen Bären in Berlin; 2006 errang das Gangster-Epos „Tsotsi“ von Gavin Hood sogar den Oscar für den besten ausländischen Film. Ich erinnere mich auch sehr gut an den letztjährigen südafrikanischen Spielfilm in Locarno „Shirley Adams“ von Oliver Hermanus über eine Mutter-Sohn-Beziehung.
Darüber hinaus ist aber Schwarzafrika bei uns nicht mehr präsent. Das liegt an den schwierigen Produktionsbedingungen und der mangelhaften Finanzierung. Afrikanische Filmländer wie Nigeria oder Burkina Faso produzieren fast nur noch für den heimischen Markt.
Wie hat sich Locarno mit dem neuen künstlerischen Leiter Olivier Père verändert? Olivier Père hat bereits in seinem ersten Jahr als Direktor den Tarif durchgegeben. Der kreative, ungewöhnliche und polarisierende Blick scheint ihm wichtiger als die ausgeglichene Programmierung.
Vom Wettbewerb bleiben jedoch nicht die provozierenden Filme in Erinnerung, sondern die bilderstarken Beiträge aus dem Osten: Rumänien, Serbien, Israel und China. Olivier Père hat bereits ein eigene Handschrift gezeigt und er führt das Festival wieder zu seinen Stärken zurück: dem unabhängigen Autorenfilm mit neuen Perspektive; sicherlich auch aus den Filmländern des Südens.
Interview: Beat Dietschy
Charles Martig ist Filmbeauftragter des Katholischen Mediendienstes und am 63. Filmfestival von Locarno Mitglied der Ökumenischen Jury.
Website der Ökumenischen Jury in Locarno: www.kirchen.ch/filmjury
19.08.10
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