“Handelsliberalisierungen betreffen Frauen besonders“
Die Ecuadorianerin Marcela Benavides ist Expertin für Frauen- und Handelsfragen. Sie arbeitet mit Frauen an der Basis für das Netzwerk „Ecuador Decide“. Dieser Zusammenschluss von mehr als 30 Nichtregierungsorganisationen hat beim Verfassungsprozess in Ecuador im Jahr 2008 eine entscheidende Rolle gespielt, indem es die Stimmen „von unten“ organisieren und einbringen konnte. Seinen Ursprung hat „Ecuador Decide“ im Engagement gegen ein Freihandelsabkommen mit den USA im Jahr 2004.
Interview: Andrea Kolb
Wie ist die Situation in Ecuador bezüglich Freihandelsabkommen? Marcela Benavides: In Ecuador kämpfen wir seit langem gegen die Handelsliberalisierung. 2004 bildete sich das Netzwerk Ecuador Decide aus sozialen Organisationen von Frauen, Bauern und Bäuerinnen, Indigenen, Umweltaktivist/innen und Kirchengruppen. Ziel war es, die Bevölkerung darin zu unterstützen, ihre eigene Stimme hörbar zu machen. Bereits unsere alte Verfassung sah vor, dass mit einer Million Unterschriften eine nationale Volksbefragung gefordert werden konnte. Das haben wir im Fall des Freihandelsabkommens mit den USA gemacht, das schlussendlich auf Eis gelegt wurde.
Der Zusammenschluss hat uns daraufhin sehr dabei geholfen, die Stimme der Basis in den Verfassungsprozess einzubringen. Unsere neue Verfassung, die im September 2008 in Kraft trat, hat viele unserer Anliegen und Vorschläge von Ecuador Decide aufgenommen.
Einen weiteren Erfolg konnten wir im vergangenen Jahr verzeichnen: Zusammen mit Bolivien ist Ecuador auch aus den Freihandelsverhandlungen mit der Europäischen Union ausgestiegen – im Gegensatz zu Peru und Kolumbien, die Freihandelsverträge abgeschlossen haben.
Wie arbeitet Ecuador Decide – und wie bringst du dich selbst ein? Unser zentrales Anliegen ist es, dass alle partizipieren können. Wir entwickeln unsere Aktionen und Forderungen gemeinsam und auf Augenhöhe. Ich selbst komme aus der Mittelschicht, bin in dem Sinn privilegiert und habe ganz andere Probleme und Anliegen als etwa eine Bäuerin oder eine indigene Frau. Deshalb ist es zentral, dass wir partizipativ arbeiten, einander zuhören, voneinander lernen können. Die gemeinsame Basis dafür bilden die Nachteile, die wir als Frauen zu spüren bekommen. Auf regionaler Ebene ist Ecuador Decide Teil der „Alianza Social Continental“ Süd- und Nordamerikas, die Freihandelabkommen bekämpft und sich untereinander austauscht.
Wie arbeitest du mit den Frauengruppen? In Ecuador haben wir eine orale Kultur, die mündliche Kommunikation ist viel wichtiger als die schriftliche. Deshalb versuchen wir, vor allem auf diesem Weg zu vermitteln, etwa durch die Veranstaltung von Workshops für Frauen oder indigene Bäuerinnen. In Rollenspielen und Fallstudien lernen und üben sie, zu verhandeln oder Konflikte zu lösen.
Warum sind Frauen von der Handelliberalisierung stärker betroffen als Männer? Die Liberalisierung des Handels hat eine Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse zur Folge. Dies führt dazu, dass insbesondere Arbeiterinnen ohne soziale Absicherung eingestellt und die Löhne gedrückt werden. Die Frauen können jederzeit entlassen werden und die Arbeitslast steigt, während sich die Arbeitsbedingungen verschlechtern.
Ein drastisches Beispiel sind etwa die Bedingungen in den Schuh- oder Kleiderfabriken, wo Frauen für 2 bis 3 Monate angestellt werden für sehr lange Arbeitstage. Gehen die Aufträge zurück, werden sie auf die Strasse gestellt. Mit dieser Flexibilisierung wird das Risiko der Hersteller auf die Frauen abgewälzt.
Gibt es weitere Beispiele? Die meisten Freihandelsverträge sehen einen möglichst langen Patentschutz und hohe Monopolpreise für die herstellenden Pharmakonzerne des Nordens vor. Dadurch kann der Patentschutz für jeden einzelnen Wirkstoff verlängert werden. Oft dauert es Jahrzehnte bis kostengünstige Generika hergestellt werden können. Deshalb unterstützen sogar Angestellte aus der ecuadorianischen Pharmawirtschaft Ecuador Decide. Am meisten unter den hohen Preisen für Medikamente leiden aber die Frauen, die in der Regel für die Gesundheit der ganzen Familie sorgen – ihre eigene Gesundheit kommt zuletzt.
Auch der Verkauf und die Verpachtung von Land an ausländische Investoren und Unternehmen ist eine Folge der Freihandelsabkommen. Dies führt oft dazu, dass ganze Familien von ihrem Land vertrieben werden, damit ein Konzern Agrotreibstoffe anbauen kann. Da Frauen zum grössten Teil alleine für die Ernährung der Familie zuständig sind, weil die Männer in die Städte abgewandert sind, verlieren sie damit die Lebensgrundlage. Weil sie meist keine Landrechte besitzen, sind sie dieser Landnahme schutzlos ausgeliefert. Oft werden sie auch unter prekären Bedingungen auf den Agrotreibstoff-Plantagen angestellt.
Die weltweiten Handelsliberalisierungen bringen es auch mit sich, dass Länder wie z.B. Mexiko, einst der grösste Maisproduzent weltweit, heute sogar Mais importieren müssen.
Der Zugang zu Wasser ist ein weiteres Beispiel. Die Privatisierung von Wasser und damit die Verteuerung von Trinkwasser betrifft auch zuerst die Frauen, die viele Versorgungspflichten haben, kochen und waschen. In der patriarchal geprägten Kultur Ecuadors kümmern sich die Männer kaum um die alltäglichen Pflichten.
Marktliberalisierung verschärft aber nicht nur die Armut und die wirtschaftliche Ausbeutung, sondern kann auch geschlechtsspezifische Gewalt begünstigen, wie z.B. in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez. Die Migrantinnen, die dort unter schwierigsten Bedingungen zu Dumpinglöhnen in Textilfabriken arbeiten, sind vermehrt sexueller Gewalt und Mord ausgesetzt.
Wie kann die Kritik am Freihandel von der Basis nach oben gelangen? Alle Organisationen von Equador Decide sind ständig miteinander in Kontakt, besprechen die Dinge basisdemokratisch untereinander. Das ist ein sehr langsamer Prozess.
Seit dem Regierungswechsel haben wir auch eine stärkere Verbindung zum Parlament. In der neuen Verfassung ist festgeschrieben, dass mindestens 50 Prozent der Kandidierenden Frauen sein müssen. Für uns ist es jetzt einfacher, mit unseren Forderungen an die Regierung zu gelangen. Ein anders Mittel, um uns Gehör zu verschaffen, sind marchas - Demonstrationen.
Was ist für dich Fairer Handel? Fairer Handel ist für mich kein schwieriges Konzept: Traditioneller Handel ist immer fair. Er ist komplementär und funktioniert nicht um des Profites willen, sondern zur Befriedigung der Grundbedürfnisse.
In der neuen Verfassung ist das Recht auf gutes Leben, „Buen Vivir“, festgeschrieben. Wie setzt ihr das um? Ja, auch der Zugang zu Wasser ist als Menschenrecht in unserer Verfassung festgeschrieben. Wasser ist für uns ein Recht, ebenso wie nachhaltige Entwicklung und Frieden. Aufgrund dieses Verfassungsartikels hat Ecuador etwa erreicht, dass die USA ihre Militärbasis in der Hafenstadt Manta schliessen musste. Wir sind in ständigem Dialog mit den Parlamentarier/innen und machen Lobbyarbeit. Jetzt geht es darum, die Verfassung in Gesetze zu fassen und diese umzusetzen.
Was können wir hier in Europa, in der Schweiz, tun? Um unsere Situation und die Auswirkungen des Freihandels sichtbar zu machen, brauchen wir Unterstützung von Aussen, etwa von Europa. Doch immer wieder sprechen Organisationen in unserem Namen, ohne mit uns Rücksprache genommen zu haben.
Deshalb ist Advocacy-Arbeit dringend notwendig. Zuerst müssen wir uns gegenseitig besser kennen lernen. Es braucht mehr Dialog. Nur wenn wir eine gesamthafte, gemeinsame Perspektive haben, können wir auch zusammen arbeiten. Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass wir alle in einer Welt leben – das zeigt ja die aktuelle Krise deutlich.
Wie bringen wir die Perspektiven des Südens und des Nordens besser zusammen? Das Problem ist, dass viele zivilgesellschaftliche Organisationen im Süden abhängig sind vom Geld aus dem Norden. Deshalb akzeptieren sie Konditionen und lassen sich für Dinge einspannen, die vor allem den Bedürfnissen des Nordens und der Wirtschaftsmächte entsprechen. Dagegen wehren wir uns. Ecuador Decide will eigenständig bleiben. Wir haben nicht nur Bedürfnisse, wir haben auch konkrete Vorschläge und eigene Beiträge.
03.05.10
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